Neue Arbeitswelten

Raum für Zusammenarbeit und Sinn

Was bringt die Arbeit in Zukunft? Noch mehr Automatisierung, das Ende der klassischen Karriere oder ganz neue Jobs? Wir haben uns bei einer Zukunftsforscherin, einem Start-up-Gründer und einem Softwareentwickler umgehört.

 „Die Digitalisierung verändert unseren Berufsalltag und das Grundprinzip von Arbeit insgesamt“, sagt die Wiener Zukunftsforscherin Christiane Varga. Für jüngere Generationen werden Jobs immer wichtiger, die ins eigene Lebenskonzept passen und Möglichkeiten eröffnen, sich selbst zu entfalten. Das sieht auch Softwarespezialist Peter Klima so, der nach Jobs bei Start-ups wie Runtastic vor einem Jahr zu den Digital Technologies bei uns wechselte: „Die private Welt und die Arbeitswelt rücken immer mehr zusammen, daher soll man sich auch eine Arbeit suchen, die einen immer wieder aufs Neue begeistert.“ Auf das Warum hat Christiane Varga eine überraschende Antwort: „Die strikte Trennung von Arbeit und Freizeit ist eigentlich eine Erfindung der Industrialisierung. Die hat es vorher so nie gegeben. Und weil sich jetzt in der Struktur der Arbeit viel ändert, ändert sich auch wieder das Verhältnis von Arbeit und Freizeit.“

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Erfinde dich neu

Dieses Passion-Principle hat Apple-Gründer Steve Jobs schon vor fast zehn Jahren gepredigt. Heute wird es immer mehr zur Realität. Viele Menschen schrauben für eine gute Work-Life-Balance sogar ihre Vorstellungen bei Gehalt und Kündigungsschutz zurück, sagt eine aktuelle Gehaltsstudie. Das Karriere-Netzwerk Xing befragte dafür 22.000 Personen aus dem DACH-Raum (Deutschland–Österreich–Schweiz), ob sie auch für weniger Geld in einen Beruf mit mehr gesellschaftlicher Verantwortung wechseln würden. Die Hälfte der Österreicher antwortete mit ‚Ja‘.

Wo steht digital?

Christiane Varga sieht vor allem zwei „Megatrends“, die unsere Arbeitswelt in den nächsten zehn Jahren bestimmen werden: Neben der genannten Individualisierung ist das die Digitalisierung. Laut Varga ist diese noch immer in der Probephase: „Zuerst war da die totale Begeisterung für die Digitalisierung. Dann kamen Social Media, Fake News und der schlechte Umgang in den Netzen miteinander. Und im Augenblick erleben wir eine Schleife zurück. Digital Detox nennt sich der Trend. Ich gehe in den Urlaub an einen Ort, an dem es kein WLAN gibt, dafür nur Natur. Das heißt, jetzt wird ‚Luft rausgelassen‘, damit wir lernen, in Zukunft sinnvoll und individuell mit Digitalisierung umzugehen.“ 

Daniel Groos ist Mitbegründer des Start-ups Sharkbite Innovation mit Standorten in München und Berlin, das Unternehmen in Nachhaltigkeits- und Innovationsfragen berät. Er sagt, dass uns weder Schulen noch Universitäten auf die neue Knopfdruck-Gesellschaft vorbereitet haben, die alles sofort oder gar nicht will. Damit wird klar, woran schon renommierte Unternehmen mit starren hierarchischen Strukturen und Entscheidungsketten scheiterten: an ihrer Aktions- und Reaktionsfähigkeit. Sie ist heute das Um und Auf, um am Markt bestehen zu können.

Flache Hierarchien


Start-ups sind die Vorreiter dieser neuen, agilen Arbeitsweise. Warum, erklärt Daniel Groos:

„Start-ups haben keine Ressourcen und kein Geld. Deshalb müssen sie ganz anders arbeiten, als wir das bisher gewohnt waren: nämlich ständig etwas Neues liefern, um an Geld zu kommen. Weil es an Personalressourcen fehlt, muss jeder alles machen.

Damit ist auch das Thema Hierarchie vom Tisch.“ Für den Start-up-Gründer ist das alte Chefdenken auch deshalb nicht mehr passend, weil eine Person nie alle Kompetenzen in sich vereinigen kann, die heute für erfolgreiches Unternehmertum vonnöten sind.

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Agil arbeiten

Als Konsequenz daraus müssen auch alle Arbeitsabläufe neu organisiert werden. Eine Folge davon sind flexible und ortsunabhängige Arbeitsformen wie Homeoffice oder Coworking-Spaces. Eine andere sind neue Bürokonzepte innerhalb der Unternehmen, die eine offene Kultur, Teamwork und Kreativität fördern. Die Umgebung soll wohnlicher und flexibler sein, damit sich Mitarbeiter je nach Anforderung einmal auf Augenhöhe begegnen und dann auch wieder konzentriert für sich alleine arbeiten können.

 

Die täglich neuen Herausforderungen kennt auch Peter Klima von seinem Arbeitsalltag: „Was gestern wichtig war, kann heute schon wieder ganz anders sein. Die Digitalisierung bringt es mit sich, dass wir offen auf die Probleme und Märkte zugehen müssen.“ In vielen großen Konzernen ist das so noch nicht der Fall.

Warum wechselt dann jemand wie Peter Klima von einem Startup in einen Konzern? „Entscheidend war für mich, dass hier spannende Projekte umgesetzt werden und dass eine Aufbruchsstimmung herrscht. Und ich kann helfen, Mitarbeiter mitzunehmen in eine Arbeitswelt, die sie bisher so nicht kannten.“

Slow Business

Zukunftsforscher sagen außerdem das Ende des Turbokapitalismus voraus. Christiane Varga sieht Soft Skills und Achtsamkeit im Aufschwung, weil die Informationsgesellschaft zunehmend das „Immer noch mehr in immer kürzerer Zeit“ hinterfragt: An Paralleltrends wie Slow Food, Slow Fashion, Slow Architecture kann man das heute schon erkennen, wohin die Reise geht: Soziale und menschliche Fähigkeiten werden gegenüber dem fachlichen Know-how immer wichtiger.

Bei Sharkbite Innovation glaubt man außerdem an eine Verbindung von Innovation, Nachhaltigkeit und Profit. Daniel Groos: „Momentan wird in unserer Gesellschaft das Thema Nachhaltigkeit noch sehr als Risiko gesehen: Wir müssen Emissionen reduzieren, wärmedämmen, viel Geld investieren, um das Gleiche machen zu können wie bisher. Wir von Sharkbite Innovation sagen: Das ist total falsch. Werte, Nutzerverhalten und Regulierungen ändern sich. In einem solchen Umfeld liegen Chancen ohne Ende. Diese profitabel umzusetzen muss das Ziel von Innovation sein.“ 

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Christiane Varga ist Zukunftsforscherin und zählt seit 2012 zum Think Tank des Wiener Zukunftsinstituts. Ihre Schwerpunkte sind New Living, New Work und Geschlechterrollen. zukunftsinstitut.de

„Die Zukunft ist nicht vorgezeichnet. Das kann man als tolle Chance begreifen, Dinge neu und spielerisch zu denken.“

Daniel Groos ist Co-Founder der Sharkbite Innovation GmbH in München. Das Anfang 2019 gegründete Start-up unterstützt Organisationen bei der Umsetzung von Innovationen im Bereich Nachhaltigkeit. sharkbite.international

„Mein Wunsch an die Zukunft ist, dass ich immer etwas finde, wofür ich brennen kann. Das wünsche ich Jedem.“

Peter Klima ist Softwareentwickler und war für Start-ups wie Wikitude, Runtastic und weitere Softwareschmieden tätig. Seit 2018 ist er bei uns für das Projekt „MYFLEXBOX“ zuständig.

„Wichtig ist, nie aufzuhören, nach dem Warum zu fragen. Das bringt die Steine ins Rollen.“